Ich? Nein! Oder doch? Vielleicht ein bisschen…manchmal eventuell.

Kommt das nicht auf die Tagesform an? Oder sind manche Menschen immer scheißegal gegenüber den kleinen und großen Dingen, die einem im Alltag eben so begegnen können und vor allem gegenüber anderen Leuten.

Heute prasseln jeden Tag schrecklichste Nachrichten und Taten von den schrecklichsten Menschen auf einen ein. Ich persönlich höre kaum noch Nachrichten, lese eigentlich keine Zeitung. Mir reicht der Newsticker meines Emailanbieters, um das Kotzen zu bekommen, oder wahlweise in Tränen auszubrechen. Aber um schreckliche Menschen soll es hier gar nicht unbedingt gehen, wir wissen alle, was so in etwa in der Welt passiert. Ich möchte einen kleinen Versuch starten, eine von vielen Beobachtungen für mein eigenes tägliches Verhalten zu reflektieren und die Frage aufwerfen, wo man anfangen könnte, besser mit sich selber und seiner Umwelt zurechtzukommen. Und vielleicht auch etwas Beklopptheit mit einzubinden 🙂 I try…

Ich stand in einem Supermarkt an der Kasse. Es war Sonntag vormittag und ich fand und finde es brilliant und praktisch, dass man Sonntags bis 12 Uhr bei uns die Möglichkeit bekommt, ganz normal einkaufen zu gehen. Und das aufm Dorf. Ich stand also an der Kasse. Vor mir ein Mann, davor eine Frau, die ihre Sachen schon auf das Band gelegt hatte. Beide etwa Anfang 40. Auf dem Rahmen des Laufbandes lag ein Stapel der letzten „Bild der Frau“-Ausgabe. Quasi zum Mitschnappen.

Je mehr die Frau auf das Laufband legte, desto mehr kam der Stapel ins Schwanken und mit jedem Schub drohte er zunehmend vom Rahmen herunterzurutschen. Sie bemerkte es erst, als der Stapel mit einem satten Klatschen vor dem Laufband auf dem Boden landete. Der Impuls, vorzuhechten und ihr beim Aufsammeln zu helfen wurde dadurch erstickt, dass sie sich träge nach vorne beugte, ihr Werk begutachtete und sich mit den Worten „Na, ist doch ganz gut gelandet.“ grinsend an den Mann wandte. Der grinste zurück und antwortete mit einem „Ja. Ha ha ha.“.

Das brachte mich aus der Fassung. Nicht sofort, aber spätestens, als ich im Auto auf dem Nachhauseweg intensiver über das Verhalten nachdenken konnte. Hättet Ihr etwas dazu gesagt? Ich habe überlegt zu sagen: „Soll der Stapel jetzt da liegen bleiben?“ oder irgendetwas geistreiches in der Art. Ich sagte aber nichts und wunderte mich sowohl über das Verhalten der Frau, als auch des Mannes. Und ein Blick auf die junge Kassiererin verriet mir, dass auch hier keinerlei emotionale Bindung zu einem herabgestürzten Stapel Frauenzeitschriften bestand.

Ich rückte weiter auf die Kasse zu und hatte mir bis dahin eine Strategie zurechtgelegt. Ich bückte mich, ordnete die Blätter und legte die „Bild der Frau“ wieder ordnungsgemäß auf den silbernen Laufbandrand. Er war NICHT ganz gut gelandet. Er lag schief und falschherum da auf dem Boden. Ohne weitere Kommentare oder vorwurfsvolle Blicke legte ich meinerseits nun die Einkäufe auf das Band und wartete gespannt, ob meine Vorgänger irgendetwas sagten. Oder wahlweise die Kassenfrau. Kurz nahm ich aus dem Augenwinkel wahr, dass die Frau den Mann etwas erschrocken ansah. Ich glaube sie hat auch leicht mit dem Kopf geschüttelt. Keine Ahnung. Ich ignorierte sie, wie sie voher ihre Tat.

Warum habe ich nun den Mist aufgeräumt, den andere verbockt haben?

Weil ich so ein ignorantes Verhalten unmöglich finde. Weil sich irgendwer etwas dabei gedachte hatte, vor jedes Laufband einen Stapel Schmökerzeitungen zu platzieren. Weil die Leitung und die Mitarbeiter des Supermarktes so nett sind, und Sonntags arbeiten und ich diese Undankbarkeit der Frau respektlos fand. Weil man so etwas einfach nicht tut und, ich gebe es zu, weil ich dachte, dass sie eins von der Kassiererin reingedrückt bekäme, indem sie mir ein lautes „Danke“ übers Laufband zurufen würde. Aber das geschah nicht. Macht auch nix. Und weil ich die Hoffnung habe, dass diese Frau ihr Verhalten reflektieren würde. Was ich aber auch niemals erfahren werde.

Ich jedenfalls habe irgendwie etwas Gutes getan und bin meiner Lebenseinstellung gefolgt. Diese beinhaltet unter anderem, dass man nach seinen ganz eigenen kleinsten Winz-Möglichkeiten eine bessere Welt schaffen kann, auch wenn es sich nur um einen blöden Stapel Zeitschriften handelt. Oder um 3 Euro, die einem zu viel ausbezahlt wurden und für die man, wenn man es merkt, wieder zum Laden rennt, um sie zurückzugeben. Ja ich mache so etwas. Lach nicht. Ist mir egal. Ich glaube daran. Kleine Gesten können so viel bedeuten, so viel bewirken. Und wenn es nur zur Folge hat, dass eine Frau anfängt, darüber nachzudenken, warum eine andere fremde Frau ihren Sch*** wegräumt. Wo soll man sonst beginnen, wenn man sich eine Umgebung wünscht, in der man nicht nur an sich selber denkt. In der man achtsam ist und beobachtet.

Ich habe den Drang, anderen zu zeigen, dass eben nicht alle Leute Ignoranten und Egoisten sind. Und ich mache so etwas, weil ich auch so behandelt werden möchte. Ob das fruchtet, weiß ich nicht, aber wie heißt es so schön? Karma, Baby… Und ein paar solcher Karmapunkte kann doch jeder gut gebrauchen. Ist das nun auch egoistisch? Das zu beurteilen überlasse ich Euch 🙂

Also Leute, man kann nie genug Lächeln, behilflich sein, den Kopf heben und sich umschauen. Das ist nicht spießig oder so etwas. Und wer jetzt sagt: Wieso? Dann sage ich: Du hast da übrigens einen Popel in der Nase, mit dem Du peinlicherweise schon den ganzen Tag herumgelaufen bist, ohne das jemand Dich darauf aufmerksam gemacht hat. Deswegen. Danke. Bitte.

 

8 thoughts on “Sind wir nicht alle ein bisschen ingnorant?

  1. Schöner Artikel. Ich muss allerdings sagen , dass ich auf dem täglichen Weg zur Arbeit oder nach Feierabend auch sehr viel Aufmerksamkeit der Anderen erlebe. Wesentlich mehr als diese Blindfische aus deinem Artikel. Sei es Behilflichkeit bei Müttern mit Kinderwagen oder auch Rücksichtnahme in vollen U-Bahnen. Gott sei dank! Und jedes mal freue ich mich darüber, dass es scheinbar nur der gefühlten Wahrheit entspricht, dass die Leute abgestumpft sind. Ist mir gerade gestern wieder passiert, als ’n 25 jähriger mit Stöpseln im Ohr mich gefragt hat, ob er aufstehen soll, damit meine kleine Tochter und ich uns setzen können.

    1. Immer schön, so etwas zu hören. Solche positiven Erlebnisse, und seien sie auch noch so klein, sollten öfter publik gemacht werden 🙂 Danke für Dein Feedback!

  2. Hallo,

    dass sind auf jeden Fall sehr weise Worte. Ich laufe auch mit offenen Augen durchs Leben. Auch im Supermarkt, wenn ich einen vollen Wagen habe, und dann spaziert einer mit einem Produkt herum, dann lasse ich ihn durch. Ich habe es dann mal gehabt, dass ich mindestens sechs hintereinander durchgelassen habe. Allerdings habe ich mich danach schon geschämt, weil ich immer noch da stand, und noch nichts aufs Band gelegt habe 🙂

    lg nancy

  3. Oh richtig toll geschrieben ich bin genau so und hebe auch immer alles und bei h&m oder so würde ich am liebsten erstmal sortieren. Da ich selber im Edeka gearbeitet habe und bei mehreren Modeläden habe ich mich immer bedankt wenn ein Kunde mir geholfen hat ich denke das hat viel mit der Kindheit zu tun wie man erzogen wurde und genau so möchte ich behandelt werden und behandele auch andere und bringe es meinen Kindern bei ich lerne Ihnen auch Respekt vor älteren Menschen das habe ich und werde ich immer haben

  4. Ich bin da ganz bei dir, mich erschreckt die Ignoranz häufig, vor allem wenn sie sich „gegen Menschen“ richtet. Das Schöne ist, wenn man es selbst anders macht, dann begegnen einem auch mehr nette Menschen. Das bilde ich mir zumindest ein! 😉

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